Good Old Times – Ein Nachruf auf Harold Pinter

“Do not go gentle in that good night!”
(Dylan Thomas)

Seine ersten Stücke kamen auf der Bühne beim Publikum schlecht an. Die Uraufführung von “The Birthday Party” fand in London vor sechs Zuschauern statt. Erst in den 1960er Jahren mit “Der Hausmeister”, seinem sicherlich bekanntesten Theaterstück, gelang ihm der Durchbruch. Es begründete seinen Weltruhm.

Nun ist er am 24. Dezember 2008 in London seinem langjährigen Krebleiden erlegen.

Als Dramatiker debütierte er mit “The Room”, das 1957 in Bristol zur Uraufführung kam.  Pinter sagt zu diesem Stück:

“Ich ging in ein Zimmer und sah eine Person dort stehen und eine andere, die sich setzte, und einige Wochen später schrieb ich The Room“.

Das war seine Methode, intuitiv, die Dramen kamen zu ihm.

Einer der Nährböden, auf denen der Dramatiker Pinter sich entwickelte, waren zweifellos die Stücke von Samuel Beckett. Existentialismus, das absurde Theater. Pinter wurde allerdings konkreter, realistischer als der Ire Beckett, der eher der Philosophie und der Abstraktion Raum in seinen Stücken gab. Pinters Personen bleiben dennoch meist Typen, Hausmeister ohne Namen.

“There are no hard distinctions between what is real and what is unreal, nor between what is true and what is false. A thing is not necessarily either true or false; it can be both true and false.”

Dieses Motto zieht sich wie ein roter Faden durch seine Theaterstücke. Die Fragwürdigkeit von Aussagen, das Scheinbare einer Situation, das Unter- und Hintergründige der gesprochenen Sprache sind die Themen, die in seinen Sätzen zum Ausdruck kommen. Und im beredten Schweigen seiner Protagonisten. Denn die Stille in Form von Pausen, Nichts-Sagen oder auch die angespannt abwartende Stille sind fester Bestandteil seiner Dramaturgien.In den Sätzen seiner Figuren regieren die Andeutungen, auch die der Gewalt, vergiften die Atmosphäre zwischen ihnen. Gewalt bricht aber, wenn sie ausbricht, in seinen Kammerstücken nur verbal aus. Ganz im Gegensatz zu den Gewalttaten der Weltgeschichte, die etwa seine jüdischen Großeltern ins Exil nach London trieben.

Doch Pinter war auch dem Medium Film zugetan: Er schrieb diverse Drehbücher und einige seiner Theaterstücke wurden verfilmt: The Caretaker (1963), The Birthday Party (1968), The Homecoming (1973) und Betrayal (1983).  Aus  Anthony Shaffers Stück Sleuth (“Revanche” oder “Mord mit kleinen Fehlern”) entwickelte er eine 2007 von Kenneth Branagh mit Jude Law undMichael Caine verfilmteDrehbuchfassung. Der deutsche Filmtitel lautete 1 Mord für 2.

In seinen späteren Jahren zeigte sich Pinter eher als der Homo Politicus denn als Künstler und Dramatiker und äußerte sich in diversen politischen Fragen vehement und lautstark, so zum Beispiel in einer Initiative zur Amtsenthebung des damaligen britischen Premiers Tony Blair wegen dessen Verhalten während des Irakkriegs. er engagiert sich verbal für die Bedrohte bevölkerung in Guatemala, El Salvador und Nicaragua.

Bereits zur Verleihung des Nobelpreises erschien Pinter aufgrund seiner Krebserkrankung auf Anraten seiner Ärzte nicht persönlich in Stockholm. Ein Video seiner Nobelpreis-Vorlesung wurde bereits im Vorfeld aufgezeichnet und am 7. Dezember 2005 im Börssalen der Swedish Academy in Stockholm dem Weltpublikum vorgespielt. Er selbst erschien nur auf der Türschwelle seiner Londoner Wohnung, alt, gekennzeichnet von Krankheit winkte er den wartenden Journalisten mit einer Krücke zu. Die Verleihung des Nobelpreises an Pinter erregte ebensoviel Entrüstung wie Zustimmung: Ein “Stammtisch-Dramaturg” sei er geworden, der da da die höchsten Weihen der Literatur erlangt habe, klagt die FAZ.

2006 stand er noch einmal selbst auf der Bühne – wie könnte es anders sein in einem Stück von Samuel Beckett. In “Krapp oder das letzte Band” lallt und gurgelt ein alter Mann (Pinter) und freut sich am Echo seiner eigenen Stimme, seiner vergangenen Jugend.

Dass 1971 ein guter Jahrgang war, zeigt sich nicht daran, dass es sich um das Geburtsjahr von Sir Mikel handelt.  Auch Pinters (gefühlt) bestes Drama “Old Times” entstand in diesem jahr. Ein guter Einstieg in das Dramenwerk Harold Pinters bietet das rororo-Bändchen, “Theaterstücke”, das auch in Sir Mikels Buchladen zu erwerben ist.

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Der Chefredakteur der gleichnamigen Website. Zugegeben manchmal ein ziemlicher Brummbär.