Einwurf: Von der Unerträglichkeit der Ignoranz

Ein Kommentar zur Diskussion über die Berichterstatttung zur Ausstellung “Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg” in Berlin

Sir Mikel

Sir Mikel

“Unerträglich” nennt es “Der Spanier”, wenn die Fotografie-Webite Photoscala über die Ausstellung “Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Kriegberichtet. Ehrlich gesagt, lieber Spanier, das finde ich unerträglich. In einem pseudowissenschaftlichen Kommentar zum Artikel wird dargelegt, dass die anderen “es” ja auch getan haben und vielleicht sogar noch schlimmer. Deswegen sollten wir doch bitte aufhören, uns immer wieder mit der Vergangenheit zu beschäftigen und statt dessen nur noch unbefangen nach vorne blicken, stimmt ein anderer zu. Das angegriffene deutsche Selbstbewusstsein sei in Gefahr und die gute Laune wohl erst recht. Das Niveau der Diskussion erinnert, abgesehen von den halbgaren revisionistischen Ausflügen in die Geschichtswissenschaften, an die Diskussionen mit Vorschulkindern, wenn sie etwas angestellt haben: Die anderen haben’s doch auch gemacht und vielleicht sogar noch schlimmer. Themenwechsel bitte.

Das ist aber erst der Anfang des Themas. Die individuelle Schuld lässt sich nämlich nicht wegdiskutieren: weder verkleinern noch relativieren durch Vergleiche mit anderen Verbrechen. Ein Mord lässt sich nicht durch einen noch brutaleren Mord rechtfertigen oder auch nur abmildern und auch nicht durch hundert andere. Es bleibt Mord, die willentliche Vernichtung eines Menschenlebens. Das Leid des Opfers und seiner Angehörigen. Die individuelle Schuld des Mörders ist ein Faktum. Und mag sie auch manchmal durch besondere Umstände gemildert werden, so bleibt sie doch bestehen. Die körperlichen und seelischen Grausamkeiten gegenüber den “anderen” im Dritten Reich, wie beispielsweise auf dem Foto unten dargestellt, lassen keine Ursachen für mildernde Umstände erkennen.

Das ermüdende an dieser Diskussion ist, dass sie immer wiederkehrt, gelegentlich in neuen Kleidern, aber im Kern immer die gleiche bleibt. Generation auf Generation  wünscht sich nichts sehnlicher als den Start auf der grünen Wiese. Man beneidet den Spanier und seine Genossen (pardon, falsche Plakette) im Geiste beinahe um ihr Weltbild, um die Welt, in der sie leben möchten. Allerdings lehnen sie etwas ab, ohne das keine Zivilgesellschaft funktionieren kann: Verantwortung. Und zwar nicht im neoliberalen Sinne eines Guidomobilkapitäns, sondern als Verantwortung für den Kontext, in dem wir nun mal stehen, sowohl den historischen auch den moralischen. Denn nur aus diesem Geiste kann gegenseitiger Respekt gedeihen, der die Verrohung der Gesellschaften (die es in der Tat zu allen Zeiten gab) in Zaum zu halten vermag.

Demütigung von Bernhard Kuhnt in Chemnitz Die Beschriftung „Immer vornehm! Flottenmeuterer Bernh. Kuhnt fährt an seiner neuen Arbeitsstätte (Dreckwaschen) vor.“ spielt auf die Legende an, meuternde sozialdemokratische und kommunistische Matrosen hätten die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg verschuldet. Chemnitz, März 1933. Quelle: Bundesarchiv, Koblenz

Demütigung von Bernhard Kuhnt in Chemnitz Die Beschriftung „Immer vornehm! Flottenmeuterer Bernh. Kuhnt fährt an seiner neuen Arbeitsstätte (Dreckwaschen) vor.“ spielt auf die Legende an, meuternde sozialdemokratische und kommunistische Matrosen hätten die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg verschuldet. Chemnitz, März 1933. Quelle: Bundesarchiv, Koblenz

Wen solche Bilder wie die in Berlin gezeigten kalt lassen, der ist ein offenbar bedingungsloses Kind der Spaßgesellschaft ohne Hoffnung auf ein Erwachsenwerden. Doch zumindest dem beinahe perversen Vorwurf, dass man ständig in allen möglichen Medien mit diesen ach so ungewollten Inhalten penetriert werde, kann ein einfaches Patentrezept entgegengehalten werden: Abschalten. Auch wenn’s in Zeiten von iPhone und iPad scheinbar gar nicht so einfach ist. Mein Tipp: Einfach mal ausprobieren, die Stille zu ertragen. Bestenfalls gebiert sie Kreativität, schlechtestenfalls verstärkt sich die Leere im Kopf.

Danke Photoscala, dass ihr nicht nur über technische Neuheiten der Fotografie berichtet, sondern auch über artverwandte Themen aus Kunst und Kultur. Macht weiter so – Spanier haben wir auf der Welt und in unserem Land schon genug.

Infos zur Ausstellung:

Jüdisches Museum Berlin
28. September 2010 bis 30. Januar 2011
Web: Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg

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Der Chefredakteur der gleichnamigen Website. Zugegeben manchmal ein ziemlicher Brummbär.