Sir Mikel liest: “Tauben im Gras” von Wolfgang Koeppen

Manchmal ist das Bücherlesen wie Surfen im Internet: Man liest das eine und kommt dabei schon auf das nächste. So stand Wolfgang Koeppen zugegeben nicht auf meiner Bücher-Shortlist, bis ich W. G. Sebalds fantastischen Roman “Austerlitz” zu Ende gelesen und mich mit einigen Sekundärquellen und Rezensionen beschäftigt hatte. Dort stieß ich auf einen Verweis auf Wolfgang Koeppens “Tauben im Gras”.

Die ersten Seiten eines neuen Buches sind, zugegegeben,  immer Schwerarbeit für mich;  da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen. Bis ich mich in die Köpfe der Charaktere hineingedacht habe und ihre Beziehungen zueinander verstehe, ein Gespür für Zeit und Ort der Handlung bekommen habe. Danach “rollt der Zug von selbst”. Wolfgang Koeppens “Tauben im Gras” macht diese “Einarbeitung” besonders schwer: Der Erzählfluss zerfällt in über einhundert Absätze mit mehr als 30 handelnden Personen. Der Leser sieht die Handlung aus den Augen und Blickwinkeln vieler verschiedener Menschen.

Die “Einheit der Zeit”, wie aus dem klassischen Drama bekannt, wird jedoch eingehalten: Erzählt wird ein Tag – nämlich der 20. Februar – im München (das nie namentlich erwähnt wird) des Nachkriegsjahres 1951. In der Stadt stehen noch zerstörte Gebäude, in ihr wohnen zerstörte Menschen. Die wenigsten von ihnen sind noch oder schon wieder in der Lage, echte Beziehungen aufzunehmen. Einige von ihnen haben ihre alten Ansichten behalten, die Besatzungssoldaten versuchen ihren Platz im Leben der Stadt und ihre Position zu deren Bewohnern zu finden. Der Farbige Washington scheint der einzige zu sein, der bereit ist, sich zu öffnen für die Liebe, obwohl Carla sein Kind abtreiben lassen will (was er aber verhindern kann). Am Ende scheitern auch sie, wahrscheinlich, in einem Regen aus Pflastersteinen, der auf sie einprasselt.

Koeppen, 1906 geboren, veröffentlicht 1951 mit “Tauben im Gras” sein erstes Werk nach dem Krieg und durchbricht mit dem Roman seine eigene Sprachlosigkeit angesichts der Kriegsgeschehnisse. Dass sein Fazit der Nachkriegsgesellschaft nicht sonderlich positiv ausfällt, ist schon an den Reaktionen der Kritiker abzulesen:

…vorwurfsvoll die alte Frage an einen neuen Adressaten: “Herr Koeppen, wo bleibt das Positive?”
Bungter, Georg. »Über Wolfgang Koeppens Tauben im Gras.« In: Über Wolfgang Koeppen, hrsg. Ulrich Greiner (Frankfurt: Suhrkamp, 1976), S. 195.

“Die Oberländer Kapelle spielte den Badenweiler Marsch, den Lieblingsmarsch des toten Führers … Der Saal hob sich wie eine einzige geschwellte Brust der Begeisterung von den Plätzen. Es waren nicht Nazis, die sich da erhoben. Es waren Biertrinker.”

“Tauben im Gras” können Sie auch in Sir Mikel’s Buchladen erwerben:
Tauben im Gras: Roman (suhrkamp taschenbuch)

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Der Chefredakteur der gleichnamigen Website. Zugegeben manchmal ein ziemlicher Brummbär.