
Das schmale Bändchen bleibt trotz des Aufklebers “Nobelpreis für Literatur 2005″ verlassen auf einen Käufer harrend in den Wirren des Wühltischs einer großen Buchhandelskette liegen. Lyrik und Dramen sind eben, von den Verkaufszahlen her betrachtet, nicht gerade ein Renner. Und dann noch diese Kritik: Das unfehlbare Feuilleton der FAZ hat ihn verrissen, ihn hämisch und ziemlich pauschal auf die lange Perlenkette der Stockholmer Fehlentscheidungen gereiht. Schublade zu. Vielleicht muss ich meine Meinung jetzt revidieren. Ich, der ich das Bändchen (zugegeben für einen Spottpreis) von seinem tristen Remittendendasein auf dem Wühltisch einer großen Buchhandelskette erlöst habe. Und während des Lesens hatte ich noch gar keinen so schlechten Eindruck von dem Stück. So kann man sich irren. Gut, dass es die Kritiker gibt, die unseren fehlgeleiteten Geschmack wieder in die richtige Richtung führen. Das Stück heißt übrigens “Mondlicht”, von Pinter auf Mauritius nach nur wenigen Wochen Arbeit beendet, zuerst aufgeführt in London 1993, sein erstes Abend füllendes Theaterstück seit 14 Jahren.
Andy, ein Mann Mitte fünfzig, stirbt an einer “tödlichen Krankheit”. Bei ihm ist seine gleichaltrige Frau Bel, strickend. Sie reden, Andy hauptsächlich von sich und der Vergangenheit. Repetiert seine Weibergeschichten. Sein drängendster Wunsch ist, dass ihn seine Kinder noch einmal besuchen. Doch seine ihm entfremdeten Söhne Fred und Jake denken nicht daran und seine Tochter Bridget ist längst gestorben.
Die Figuren des Dramas erscheinen gleichzeitig berückend präsent und doch irgendwie entrückt, sie reden und reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Die Leere, die Pause hat auch hier Methode als zentrales Pinter-Thema.
Ebenso wie die Gewalt, die mehr oder weniger unterschwellig in vielen Konversationen mitschwingt. Auf der Ebene 0, unterhalb der Oberflächlichkeit der Unterhaltung, als Chiffre unauffällig eingeflochten in den scheinbar belanglosen Redestrom der Protagonisten und doch vom Adressaten leicht zu entschlüsseln. Machtspielchen.
Die ganze Kälte menschlicher Beziehungen kommt unter anderem in Gestalt von Andys Söhnen auf die Bühne, die sich mit belanglosen, intellektuellen Wortgefechten die Zeit vertreiben. Es schwingt der Verdacht im Leser, dass der anti-intellektelle, patriarchalische Vater genau das aus ihnen gemacht haben könnte. Wirklich komisch ist die Szene, als Bel telefonisch versucht, ihre Söhne zu einem Besuch des todkranken Vaters zu bewegen:
JAKE “Chinesischer Waschsalon?”
BEL “Dein Vater ist sehr krank.”
JAKE “Chinesischer Waschsalon?”
Auf der Ebene der Belanglosigkeit verläuft auch der Besuch von Maria, Andys alter Flamme, und ihrem Mann Ralph, dem “furchtbaren Schiedsrichter”. Sie erzählen von ihrem Bauernhofidyll und ihren Musterkindern und jeder kann sich vorstellen, dass dies lediglich eine sorgsam errichtete Kulisse ist, hinter der ihr tatsächliches Leben stattfindet. Sie verschwinden und es fehlt nichts.
Zuletzt erscheint Bridget, Andys bereits verstorbene Tochter, Wandlerin zwischen den Welten, als Vorbotin und Verkünderin der anderen Seite: “Ich stand da im Mondlicht und wartete, dass der Mond unterging.”
Die wenigen Seiten, ausgelegt auf 80 Minute Bühnenstück, nehmen den Leser oder Zuschauer mit durch eine lyrisch verdichtete Tour de Force der Sprache. Und erschöpft zurückblickend überlege ich, ob nicht vielleicht der kategorische Kritiker der FAZ doch etwas übersehen haben könnte. Wer ändert schon gerne seine Meinung.
Buch kaufen bei Amazon: http://astore.amazon.de/sirmikel-21/detail/3499227959
