Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird ein glücklicher Tage gewesen sein!
Ein ganz normaler Diestagabend in einem Kleinstadttheater in Deutschland. Die Theaterring-Abonnentinnen und Abonnenten sind in der Mehrzahl, daneben ein paar mumaßliche Abiturienten oder Studenten, ein Künstler – oder zumindest einer, der so aussehen will wie einer. Und natürlich der nahezu notorische Trupp pensionierter Gymnasiallehrer, der sich überlegen und augenscheinlich gut präpariert an einem der Stehtische im Foyer aufgebaut hat. Gegen entsprechende Würdigung ihrer intellektuellen Überlegenheit wären sie mit Sicherheit nur zu gerne bereit, den geneigten, aber nicht ganz so gut vorbereiteten Durchschnitts-Theaterbesucher ins Bild zu setzen, was die Fakten und ihre Meinung zum anstehenden Stück angeht.
Aber nein, dies wird nicht nötig sein, denn es gibt ja einen Einführungsvortrag zu Samuel Becketts Stück “Glückliche Tage”, von einem Mitglied des hiesigen Theaterensembles mot (Modernes Theater). Ebenfalls pensionierter Lehrer, stand aber nicht am Stehtisch seiner Kollegen. Mutmaßlich ein Einzelgänger. Oder er musste vor dem Vortrag nochmal kurz über sein Manuskript huschen. Effektvoll angestrahlt vor der schwarzen Bühne schielt er durch die Lesebrille auf das weiße Blatt Papier. Erläutert Leben und Werk des Einzelgängers Samuel Beckett. Erläutert das Stück, übersetzt dies und das, gelegentlich auch etwas unpräzise. Egal, es sei ihm ob seiner angenehmen Sprechstimme verziehen. Hat sowieso niemand bemerkt. Außer den Gymnasiallehreren vielleicht, aber die Standesehre verbietet ihnen, sich etwas anmerken zu lassen.
Dann kurze Pause, Winnie und Willie betreten die Bühne. Es handelt sich übrigens um die “Rehearsal Version”, also so gut wie keine Requisiten außer einem Tisch und zwei Stühlen. Winnie entspricht nicht wirklich der Beschreibung aus Becketts Regieanweisungen, aber wer könnte das von ihr erwarten. Fulminant spielen Miriam Goldschmidt und Wolfgang Kroke die beiden Typen, die Bühne wird zum imaginären Sandhaufen, ein unsichtbarer Sack taucht auf. Das absurde Theater nimmt seinen Lauf, der Beckettsche Humor entwickelt sich, grandios, von den meisten Besuchern allerdings eher unbemerkt. In der Pause verschwinden die Theaterring-Abonnenten heimlich in die nahe gelegenen Weinstuben. Vielleicht hätten sie doch in Vorbereitung des Abends ein wenig Beckett lesen sollen:
Für mich ist das Theater keine moralische Anstalt im Schillerschen Sinne. Ich will weder belehren noch verbessern noch den Leuten die Langeweile vertreiben. Ich will Poesie in das Drama bringen, eine Poesie, die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet. Ich denke in neuen Dimensionen, und im Grunde kümmert es mich wenig, wer mir dabei folgen kann. Ich konnte nicht die Antworten geben, die man erhofft hatte. Es gibt keine Patentlösungen.
Schade. Vielleicht wird das Becketts letztes Werk eher etwas für sie sein – es würde ihnen auch das quälende Ausharren bis zur Pause ersparen :
Mein letztes Werk soll ein weißes Blatt Papier sein.
Die ehemaligen Gymnasiallehrer jedenfalls sind erwartungsgemäß bis zum Schluss geblieben – vielleicht, weil sie tatsächlich Gefallen an dem Stück gefunden haben, vielleicht aber auch nur, damit auch dies wieder ein glücklicher Tag gewesen sein wird.
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