Shakespeares König Lear oder vom Wahnsinn des Alterns

Der letzte Vorhang fällt in Luc Bondys Inszenierung von Shakespeares König Lear und es bleibt ein seltsames Gefühl zurück. Abgesehen von dem Berg von Leichen auf der Bühne, der den Lear jeden blutrünstigen Wallander-Krimi problemlos in den Schatten stellen lässt, ist dieses Unbehagen aber ein ganz anderes.  Es hat nichts zu tun mit der Inszenierung selbst, am wenigsten mit dem beeindruckenden Gert Voss als Lear und auch nicht unbedingt etwas mit der kompletten Neuübersetzung des Stücks, die extra für diese Inszenierung geleistet wurde (mag man sie an manchen Stellen auch etwas zu modern finden). Woran also?

Es ist die Figur des Lear, verkörpert eben durch diesen brillianten Gert Voss, die einen tief gespalten zurücklässt: Bemitleidet man den alten Mann ob seines Wahnsinns, vielleicht seiner Demenz oder hasst man ihn für das, was er angerichtet hat, willentlich oder unwillentlich? Shakespeare lässt es nach meiner Lesart weitgehend in der Schwebe, wie es um den Geisteszustand seines (Anti-)Helden tatsächlich bestellt ist. Spielt er seine Verrücktheit nur? Ist es Altersstarrsinn, der sich da in ihm zeigt oder nur die Verbitterung des abgedankten Königs, dem nun niemand mehr Wertschätzung erweist? Nimmt man alles wörtlich, so müsste man sagen, der Mann leidet mit Bestimmtheit an Demenz oder Alzheimer: Zum Schluss des Stücks folgt ein lichter Augenblick, eine kurze geistige Klarheit in der Nacht, die ihn umgibt. Im tragischsten Moment, seine tote Tochter im Arm, mit der er sich gerade versöhnt hat.

Macht das Amt den Menschen groß oder der Mensch das Amt? Ab dem Moment, als Lear seine Ämter abgegeben hat, beginnt sein unaufhaltsamer Abstieg. Der einst stolze König verkommt zu einem hilflosen Greis, einem Bittsteller seiner Töchter. Einem, der verbittert und nun gefangen ist in seinem Hass. Seiner Verblendung. Seiner abgekapselten Weltsicht – ein Phänomen, das man vielleicht auch in der eigenen, angejahrten Umgebung  schon entdeckt haben mag.

Samuel Beckett vertrat einst die Meinung, der Lear sei ein nicht inszenierbares Stück. Nun hat es, neben vielen anderen, Luc Bondy mit der Aufführung des Wiener Burgtheaters versucht und ob er damit gescheitert ist oder nicht, diese Frage soll und kann auch hier nicht beantwortet werden. Was ihr aber gelingt, ist, für als Sprachrohr eines längst verblichenen Autors wichtige Fragen gestellt zu haben, die auch heute noch so brennend sind wie scheinbar schon vor vierhundert Jahren. Warum sind die Alten so, wie sie sind? Biologische Ursachen und, gleich dem Kleinkind, dem sie wieder ähnlicher werden, die Prägung der Greise durch ihre Umwelt stehen zur Auswahl. Wie soll man mit den Alten umgehen? Einbeziehen, ausgrenzen, mehr Verantwortung geben, entmündigen? Wie will man selbst sein Alter gestalten? Als “Rückzug aus allen Ämtern” oder aktiv, so lange es geht? Das Stück gibt nach meiner Rezeption hierauf keine Antworten.

Auch  können diese Fragen hier nicht beantwortet werden. Eine Beschäftigung mit ihnen jedoch sei – nicht nur, aber auch – aufgrund der demografischen Enticklung höchst angeraten, da sie uns näher sind,   als uns wahrscheinlich lieb ist. Luc Bondys kraftvolle Inszenierung von Shakespeares “King Lear”  kann hier einen kontroversen Anstoß leisten. Und das ist doch mehr, als man von vielen Inszenierungen behaupten kann.

Die DVD-Version des Stücks ist in Sir Mikel’s Bookshop erhältlich.

Mehr Informationen zum Stück bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/König_Lear

Ein Interview mit Luc Bondy zu seiner Inzenierung gibt auf der Website des ZDF Theaterkanal.

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Der Chefredakteur der gleichnamigen Website. Zugegeben manchmal ein ziemlicher Brummbär.