Im Test: Panasonic G1, Wunderkästchen ohne Spiegel

Die Panasonic G1 ist die erste “DSLR” ohne Spiegel. In einem sehr kompakten Gehäuse, das dennoch eng an das Design konventioneller (D)SLRs angelehnt ist, versucht sich Panasonic nach einigen wenig erfolgreichen Four-Thirds-Kameras mit einem neuen Objektivbajonett (Micro FT) am Markt – in der Nische zwischen hochwertigen Kompaktkameras und Einsteiger-DSLRs. Die folgenden Betrachtungen sind wie immer keine Laboranalysen, sondern entsprechen den pragmatischen Prinzipien eines “Feldtests”. Viel Spaß beim Lesen!

Schließlich konnte ich doch nicht widerstehen. Nachdem die G1 nach diversen positiven Tests verschiedener Fotowebsites (s.u.) auch noch das Herz von Michael Reichmann (Luminous Landscape) erobert und ihm das Fazit “There’s always room for a Goldilocksentlockt hat, fiel meine Wahl für eine Nachfolgerin meiner etwas angestaubten Pentax K100D auf Panasonics kleines Wunderkästchen mit dem umstrittenen EVIL-Design (Electronic Viewfinder Interchangeable Lens). Natürlich nicht ganz leichten Herzens, denn mit der Pentax war ich an sich ganz zufrieden (bis auf das Problem mit dem langsamen Autofokus, den ständig leeren Batterien und den etwas mageren 6 Megapixeln Auflösung) und für MicroFT gibt es derzeit ja auch nur ein sehr überschaubares Objektivsortiment. Einen Systemwechsel macht man nicht alle Tage.

Was hat mich trotzdem bewogen hat, umzusteigen, war die Aussicht auf ein kleines, leichtes, unauffälliges Equipment, das man öfter dabei als zu Hause hat. Ohne die Beschränkungen einer Kompaktkamera, was die festgelegte Optik und miese Rauschverhalten angeht. Und die echte Bildvorschau im Sucher. Ob die G1 meine Erwartungen erfüllt hat, erzählen die nächsten Abschnitte.

Daten, Daten, Daten…

Vorab ein paar technische Daten zur G1:

  • Sensor 4/3″, LiveMOS mit 12,1 Mio Pixel effektiv
  • ISO 100-3200
  • TTL Autofokus
  • Dreh-/schwenkbarer TFT und elektronischer Sucher mit LiveView
  • Objektivbajonett: MicroFT
  • Gewicht inkl. Batterie: 360g
  • Abmessungen: 124 x 84 x 45 mm

Gehäuse und Materialien

Panasonic G1 Akku

Panasonic G1 Akku

Entgegen ersten Befürchtungen, die sich aus der Größe der Kamera ergeben, ist die G1 kein “Spielzeug”. Kamera und Bedienelemente fühlen sich wertig an, wenn man als Vergleich nicht eine Nikon D700 oder eine Canon 1Ds MkIII hernimmt. Ist aber auch kein ganz fairer Vergleich und definitiv eine andere Zielgruppe. Auch große Hände können mit der gewählten Ergonomie gut umgehen, trotz der kleinen Abmessungen. Die Gummierung des Gehäuses schmeichelt der Hand, löst sich aber nach Nutzerberichten in vereinzelten Fällen bereits nach kurzer Nutzungsdauer an sensiblen Stellen vom Gehäuse. Ob das nach längerer Nutzung ein “Massenphänomen” ist, beibt abzuwarten. Das Objektivbajonett macht einen stabilen Eindruck, ebenso der schwenkbare TFT (dazu unten mehr). Anlass zu heftigen Protesten gibt der neue Akku der G1, der über einen Chip “zur Sicherheit des Benutzers vor minderwertigen Nachahmerprodukten” sicherstellt, dass nur das Original von Panasonic (rund 80,-  EUR) verwendet werden kann.

Handling

Wer bereits eine Panasonic Bridgekamera sein Eigen nennt, wird mit dem Handhabung der G1 schnell vertraut sein. CF-Karte und Akku sind im Gegensatz zu den meisten Bridge-Kameras hinter separaten, vernünftig stabilen Klappen untergebracht.  Die Stativmutter ist in Objektivmitte zentriert und aus Metall gefertigt. Es steht also auch dem ein oder anderen Panoramafoto nichts im Wege. Stein des Anstoßes bei vielen G1-Fotografen ist allerdings das Stellrädchen an der Vorderseite, mit dem Blende/Zeit und Belichtungskorrektur eingestellt werden. Ein Druck auf das Rad stellt jeweils die Funktion um. Stimmt, das ist gewöhnungsbedürftig. Aber durch die farbliche Markierung der aktuellen Einstellgröße im Sucher / auf dem TFT, sieht man eigentlich immer, was man gerade tut. Trotzdem vielleicht keine ganz optimale Lösung. Ebenfalls etwas fraglich ist das dedizierte Stellrädchen für den AF-Modus (AF Single, AF Continuous, MF). Damit hätte man vielleicht etwas sinnvolleres machen können. Prima fürs Handling, gerade in Kombination mit LiveView, ist auf jeden Fall der schwenkbare TFT.

Sucher und TFT

So, jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem sich die Geister scheiden. Noch nicht beim TFT, denn der ist mit 3 Zoll und 460k Pixeln Auflösung groß genug, scharf und sehr gut ablesbar – außer bei grellem Sonnenlicht. Dass er schwenkbar ist, ist vor allem aufgrund der hervorragenden LiveView-Implementierung ein großer Vorteil für Aufnahmen aus ungewöhnlichen Aufnahmepositionen (Bodennähe für Makros, Überkopf), aber auch für unauffällige Schnappschüsse “aus der Hüfte”. Der elektronische Sucher ist – Geschmackssache. Mir gefällt er gut, besser als der optische Sucher vieler Einsteigerkameras, da sehr klar und hell und detailliert. Zumindest bei gutem Licht. In der Dämmerung sinkt durch die erforderliche Signalverstärkung die Wiederholfrequenz und das Bildrauschen im Sucher steigt massiv an. Andererseits sieht man so auch noch etwas im Sucher, wo man mit der Einsteiger-DSLR nur noch Schwarz sieht. Ein Riesenvorteil ist die echte Vorschau im Sucher inkl. aller Infos, die auch auf dem TFT erscheinen und Belichtungs- und Schärfentiefe-Vorschau. Das ist ein großer Vorteil dieses Konzepts. Der Augenschalter, der zwischen TFT und Sucher umschaltet ist nett, aber unter Umständen etwas nervig: Um den Hals gehängt, wird der TFT so leicht zum “Blinker”. Hängt aber vom Trageverhalten ab und – ist abschaltbar. Der TFT ist umschaltbar zwischen LiveView und einer übersichtlichen Anzeige der aktuellen Bildparameter.

G1 Display

G1 Display

Blitz

Der eingebaute Blitz ist mit einer Leitzahl von 10 nicht gerade ein Leistungswunder, führt aber, vor allem im iA-Modus (Intelligent Auto) innerhalb seiner Reichweite zu ausgewogen belichteten Aufnahmen. Der Weissabgleich bei Blitzlicht scheint soweit ganz gut zu passen. Die Blitzbelichtungskorrektur erfolgt leider etwas umständlich über Menü. Schöner als mit dem eingebauten Blitz ist natürlich das Arbeiten mit einem externen Blitz. Hier habe ich mit dem Metz 48 AF-1 für Olympus/Panasonic sehr gute Erfahrungen gemacht. Über die TTL-Steuerung gelingen meist ohne korrigierenden Eingriff sauber belichtete Aufnahmen. Der Blitzkopf ist dreh- und schwenkbar und das Gerät liegt mit 180,- EUR im Vergleich zu den Originalgeräten von Olympus und Panasonic in einem recht moderaten Preissegment. Absolut empfehlenswert.

Bildqualität

Das, was die G1 auf den Bildschirm und schließlich aufs Papier bringt, kann sich durchweg sehen lassen. Die Auflösungswerte stehen bis ISO 800 denen einer Nikon D700 nicht nach (s. Vergleich der beiden Kameras im Fotomagazin). Low-Light-Shooter, die oft auf ISO 800 oder höher zurückgreifen, sollten sich aber eher anderswo umsehen, denn dann treten die Beschränkungen zu Tage, mit denen auch andere 4/3-Kameras zu kämpfen haben. Mit der G1 hat Panasonic die Lehren aus den Protesten der Nutzer früherer Kompaktkameras gezogen und die Rauschunterdrückung stark zurückgenommen. Daraus resultiert ein sichtbares, aber optisch ganz “angenehmes” Rauschen, das an höherempfindliche analoge Filme erinnert.

Die Bildqualität wird natürlich maßgeblich vom verwendeten Objektiv mitbestimmt und hier braucht sich Panasonic mit seinen eigengelabelten Objektiven nicht zu verstecken. Die Schärfe ist durchweg sehr gut, und auch Vignettierung und Verzeichnung geben keinen Anlass zur Beanstandung. Einen Link zu einem ausführlichen Objektivtest des 14-45 finden Sie am Ende des Artikels. Grund zur Diskussion gab die Tatsache, dass diese sehr guten Werte nur dadurch erreicht werden, dass optische Fehler in der Elektronik korrigiert werden. Es handelt sich also nicht um eine Leistung des Objektivs alleine, sondern des Gesamtsystems. Ich halte es da mit dem Wahlspruch des Altkanzlers: Wichtig ist, was hinten rauskommt. Und das kann voll und ganz überzeugen.

Der Qualitätsfanatiker kann neben dem JPEG-Format, das wie üblich mit Kompromissen durch die Kompression aufwartet, auch im RAW-Format oder RAW + JPEG speichern. Photoshop-Nutzer, die diese in ACR öffnen wollen, müssen allerdings ärgerlicherweise auf CS4 upgraden, da der RAW-Konverter für die G1 für CS3 nicht verfügbar ist. Alternativ kann man die RAW-Entwicklung in einem etwas günstigeren RAW-Konverter wie ACDSEE Pro 2.5 vornehmen – auch hier kommt es wieder auf die individuellen Ansprüche an.

Und Video?

Die G1 “schreit nach der Videofunktion”, war und ist in den einschlägigen Foren immer wieder zu lesen. Ich  persönlich bin über die Beschränkung auf das Einzelbild ganz glücklich, man kann schließlich nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Für potenzielle Videografen ist seit April die G1H auf dem Markt, die HD-Videokann und mit einem entsprechenden videotauglichen Objektiv 14-140 ausgeliefert wird.

Fazit

Größe, Bildqualität und Handling führen in der Kombination dazu, dass die G1 einfach Spaß macht und nebenbei noch gute Bilder produziert. Bei der Komposition unterstützt sie den Fotografen dabei mit einem hervorragenden, dreh- und schwenkbaren TFT und einem überraschend guten optischen Sucher. Die LiveView-Implementierung ist sicher eine der besten, die derzeit verfügbar ist. Wer viel bei schlechtem Licht ohne Blitzlicht fotografiert, ist vielleicht aufgrund des dann rauschenden Suchers und der mäßigen Leistungswerte bei ISO-Zahlen über 800 besser mit einer “richtigen” DSLR bedient. Hier aber auch wahrscheinlich nicht im Einsteiger-Segment, sondern eher bei den gehobenen Amateuren. Panasonic und Olympus ist auf jeden Fall viel Glück zu wünschen mit ihrem neuen Bajonett. Auch aus Sicht von uns G1-Fotografen, denn mit dem Verkaufserfolg von MicroFT steigt die Wahrscheinlichkeit, dass andere Objektiv-Anbieter wie Sigma oder Tamron auch Objektive für dieses System anbieten. Aber auch Olympus wird hier sicher noch die ein oder andere Überraschung bereithalten, da man dort selbst an mindestens einer Kamera für das MicroFT-arbeitet.

Weblinks:

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Der Chefredakteur der gleichnamigen Website. Zugegeben manchmal ein ziemlicher Brummbär.