Tage des Morpheus – Franz Schenk – Sonntag
Franz Schenk war früh aufgewacht, geweckt vom Zwitschern der Vögel draußen im Hof, das von den Wänden der Nachbarhäuser widerhallte. Er fühlte sich noch müde, warf einen verschwommenen Blick auf den Wecker. Es war erst kurz vor sieben. Mit seiner Frau hatte er verabredet, dass er um zehn Uhr in der Klinik sein würde. Er streckte sich. Griff nach seiner Brille: Sie lag dort, wo er sie vermutete. Das Bett neben ihm war unbenutzt – ein befremdlicher Anblick. Es war eine neue Realität, die den imperativen Gesetzen des Gewöhnlichen widersprach. So musste es sein, wenn jemandem der Lebenspartner gestorben war. Eine neue Realität, die nicht zu verstehen war, bis man sich irgendwann an sie gewöhnt hatte. Seltsamer Gedanke. Aber sein Leben, das gestern noch in festen, verlässlichen Bahnen sich abspielte, schien in eine Schwebe zu geraten. Bestand das Leben nicht in der Hauptsache aus Gewöhnung und Gewohnheiten, die einem die nötige Sicherheit gaben? Zumindest für sein Leben traf dies zu. Wie oft ertappte er sich morgens im Büro und überlegte, wie er dorthin gekommen und was er an diesem Tag schon alles getan hatte.
Er warf einen Blick durch den Vorhangspalt nach draußen. Er musste diese bleierne Schläfrigkeit loswerden. Sie lähmte ihn. Er ging ins Bad, drehte die Dusche auf und stellte die Mischbatterie entschlossen auf ‘kalt’. Das Ergebnis überraschte ihn nicht, ließ ihn aber trotzdem kurz erschaudern, als das eisige Wasser ihm hastig durch die Haare rann und sich hektisch seinen Weg von den Brauen in mehreren Sturzbächen an seinem Gesicht vorbei ungestüm nach unten brach, wo die Corioliskraft es mit stählernem Griff in den Ausguss hinunterdrehte. Der Schleier um seinen Kopf lichtete sich. Er stand in einem prasselnden Regenschauer, so wie Gott ihn erschaffen hatte (falls das der Fall war) und atmete die klare Morgenluft der großen Wälder, die er durchstreifte auf seinem Pilgerweg. Er stutzte: Wie kam er auf Pilger? Sie hatten einen Artikel im Wochenendmagazin, den hatte er Korrektur gelesen. Über die früheren und die modernen Jakobspilger. Die guten und die schlechten Tage einer Pilgerschaft. Über Blasen an den Füßen, die oftmals verzweifelte Suche nach Herbergsplätzen und emotionale Krisen. Trotz der schlechten Tage – er beneidete die Pilger. Sie nahmen sich eine Auszeit vom Alltag, von den Gewohnheiten, um zu sich selbst und vielleicht sogar zu etwas Höherem zu finden. Vielleicht würde er auch auf Pilgerreise gehen. Wenn erst mal die Kinder größer wären. Die Idee gefiel ihm: Auf unbekannten Pfaden gegen die Unbilden der Natur und des eigenen Körpers ankämpfen, unwissend, wo man abends sein Lager aufschlagen würde.
Er entstieg der Duschwanne, trocknete sich ab, zog sich an und brühte sich eine Tasse Pfefferminztee. Ohne weiter darüber nachzudenken, war er schließlich in die Wanderschuhe geschlüpft, die seit der Geburt der Kinder nicht mehr oft zum Einsatz gekommen waren. Packte ein paar Dinge in seine Umhängetasche, dann ging es runter zum Fluss, über den Schleusensteg und vorbei am Kraftwerksgebäude, den Uferweg entlang, zuerst durch ein lichtes Wäldchen, dann freies Feld, eine Brücke über den Bach (wie hieß der noch gleich?), der sich kurz nach der Brücke unter stürmischem Protest mit dem gemächlich vorbeiziehenden Fluss vereinigte. In der Grundschule hatten sie den ersten Wandertag unternommen auf dieser Strecke. Das Bild der Sandsteinkirche mit dem Torbogen blitzte in ihm auf.
Der Weg verlief jetzt in einer Pappelallee, die zur Morgenstunde lange Schatten warf in Richtung des Flusses. Sonne und Schattenzonen bildeten ein irritierendes Streifenmuster am Boden. Die Schuhe drückten ihn ein wenig, er war es nicht mehr gewohnt, sie zu tragen. Rechter Hand tauchten Gärten auf, große Gärten, einige mit selbst gezimmerten Baumhäusern und großen Wiesen, andere mit exakt angelegten Gemüsebeeten oder liebevoll gehegten Blumenrabatten. Einige Schritte vor ihm bildeten die Silhouetten zweier Schwäne zwischen Bäumen und Ufer einen lebendigen Torbogen, Schattenwesen aus einer anderen Welt. Er rätselte, verstand ihre Botschaft nicht. Aus dem Wechsellicht der Allee tauchte er in die Morgensonne, neben sich den den – laut Beschilderung von einer einheimischen “Rentnerband” – restaurierten Turm der alten Befestigungsanlage. Der Uferweg bestand jetzt aus einer groben Pflasterung und wurde gesäumt von einer durchgehenden, hohen Steinmauer, die zur Uferseite die flächigen () Gärten der Häuser begrenzte. Ganz klein am Ende der Mauer sah er den Kirchturm emporragen. Eine zerzauste Alte mit ihren Hunden kam ihm entgegen, schien ihn aber nicht zu bemerken, als er sie im Vorbeigehen grüßte, sie war damit beschäftigt, auf die Hunde zu schimpfen und auf die Unebenheit des Weges, der sie zum Stolpern gebracht hatte.
Er war fast angekommen, dachte wieder an die Pilger: Wurde gegen Ende der Reise nicht das Ziel, dem man unter all den Mühen zustrebte, zum drohenden Endpunkt der Pilgerschaft, in die man sich nach wenigen Tagen auch wieder eingewöhnt hatte, trotz all ihrer Unsicherheiten und Schmerzen, deren Weg aber weiterging, das war seine Gewissheit: er ging weiter. Doch am Ende, was kam dann? Was danach? Gab es ein danach?
Er stand vor der dem roten Sandsteinbau, in dem die Menschen genau solche Fragen immer wieder stellten, sich und dem, der vor ihnen an dem überdimensionalen Holzkreuz durch den Raum zu schweben schien. Er hatte den Torbogen, der vom Uferweg zum Ort führte, durchschritten und war eingetreten durch die schere, hölzerne Eingangstür in das Reich der Stille. Auf einer kleinen Tafel an der Wand stand zu lesen:
Heiliger Cyriakus, öffne unsere Augen für die leiblichen und die geistigen Nöte unserer Mitmenschen. Gib uns die Bereitschaft, auch die Kleinen mit ihren großen Sorgen anzuhören und ihnen in ihrer Not beizustehen. Hilf, dass unser Herz nicht in Egoismus und Hoffnungslosigkeit erstarrt.
Er setzte sich einen Augenblick, betrachtete sich im einfallenden, melancholischen Morgenlicht die Figuren der Heiligen an den Säulen neben den Bankreihen. Cyriakus, Namenspatron dieses Gotteshauses und einer der Vierzehnheiligen, Archidiakon von Papst Marzellinus, Zwangsarbeiter in den Lehmgruben des Diokletian, dessen Tochter Artemia er von ihren dämonischen Besessenheiten befreite, half unter den Mitgefangenen so gut es ging, verweigerte den haidnischen Götzen die Ehrerbietung und wurde dafür unter Maximian mit der Hinrichtung durch das Schwert belohnt. Der Würzburger Bürgerschaft galt er als Retter, da am Cyriakustag 1266 die Schlacht am Mühlberg gegen den Grafen von Henneberg gewonnen werden konnte. Zum Dank trugen einige Kirchen und ein Weinberg dort seinen Namen. Das hiesige Cyriakus-Patronizium datierte aber bereits auf das Jahr 1095. Schenk überlegte, welcher Grund für diese Wahl wohl ausschlaggebend gewesen sein mochte, welche konkrete Relevanz Cyriakus in der Gemeinde damals besaß: als Nothelfer und Schutzpatron der Zwangsarbeiter, Helfer gegen die bösen Geister oder als Winzerpatron.
